Piz Palü, Zentraler Nordwandpfeiler (UIAA V+, 50°)
Der Bumillerpfeiler am Piz Palü gehört zu den ganz großen kombinierten Hochtouren der Ostalpen. Er verlangt Ausdauer, solides Kletterkönnen und psychische Stärke. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird mit einer der grandiosesten Linien im Engadin belohnt. Hier ist der Bericht einer anspruchsvollen Führungstour bei sommerlichen, stark ausgeaperten Bedingungen.
Die Fakten
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Berg: Piz Palü (Hauptgipfel / Mittelgipfel, 3.901 m), Berninagruppe / Engadin, Schweiz
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Schwierigkeit: TD+ (sehr schwierig), Eis/Firn bis 50°, Fels bis UIAA V+
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Wandhöhe & Klettermeter: ca. 1.000 bis 1.350 Höhenmeter Gesamtwand, davon ca. 800 m reine Kletterlänge
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Ausgangspunkt: Berghaus Diavolezza
Der Zustieg: Schwindendes Eis am Gletscher
Nach einem feudalen Abendessen und einer komfortablen Nachtruhe im Berghaus Diavolezza starten mein Gast René und ich atgs darauf um 3:45 Uhr in die Nacht. Unser Ziel: der Einstieg des berühmten Bumillerpfeilers.
Dort angekommen zeigt sich, dass der extrem heiße Sommer seinen Tribut gefordert hat. Der Gletscher ist regelrecht „hinabgesunken“, und zwischen Eis und Fels klafft ein tiefer, schwarzer Bergschrund. Von meinem Gast über einen Steckpickel gesichert, springe ich über das schwarze Loch auf eine abschüssige Felsplattform. Mit einem soliden Cam in einem Riss sichere ich mich ab und klettere über heikle, brüchige Platten zu einem Fixseil, das die Bergführer von Pontresina eingerichtet haben. Obwohl der Zustand des Seils fragwürdig ist, bietet der dortige Bohrhaken einen perfekten Standplatz, um René nachzusichern.
Weiter geht es über einige brüchige Seillängen in das Einstiegscouloir des Pfeilers. Früh im Jahr kann man diese Rinne oft direkt im Schnee durchklettern. Da wir aber Ende Juli unterwegs sind, weichen wir auf die rechten Begrenzungsfelsen aus. Diese sind einigermaßen fest und mit wenigen Bohrhaken versehen. Am Ende des Couloirs betreten wir den mittlerweile blanken Gletscher. Wegen des massiven Eisrückgangs ist die übliche Felspassage hier unpassierbar – wir müssen sie umgehen, um die Eisflanke oberhalb zu erreichen.
Der eigentliche Bumillerpfeiler: Genusskletterei in festem Fels
Ist dieser anspruchsvolle Zustieg geschafft, hat man fast schon die halbe Miete. Der eigentliche Bumillerpfeiler entpuppt sich als pure Genusskletterei! Über griffige Platten, steile Risse und kleine Überhänge klettern wir zügig empor. Der Fels ist hier bombenfest, und wir haben richtig Freude an der Bewegung.
Ein kleiner Wermutstropfen: Wir haben bewusst auf Reibungskletterschuhe verzichtet, doch ich empfehle jedem künftigen Bumiller-Aspiranten, sie in den Rucksack zu packen. Das erhöht den Klettergenuss und die Geschwindigkeit enorm. Dennoch meistern wir auch mit Bergschuhen die letzte, schwere Seillänge – eine abdrängende Piazschuppe – und klettern am laufenden Seil weiter bis unter den imposanten Serac.
Ausstieg zum Gipfel: Die fehlende Eisnase
Der Gletscherrückgang hat auch vor der berüchtigten „Eisnase“ des Bumillerpfeilers nicht Halt gemacht: Sie wurde quasi zunichtegemacht. Übrig geblieben ist eine moderate Firn- und Eisflanke mit einer maximalen Neigung von 50°. Am laufenden Seil steigen wir zügig weiter, weichen im Gipfelbereich einigen heiklen Spalten aus und stehen gegen 15:00 Uhr überglücklich auf dem höchsten Punkt des Piz Palü.
Abstieg zur Diavolezza: Spaltensprünge und Bergsteigerbier
Etwas Kopfzerbrechen bereitet uns zunächst der Abstieg über den spaltenreichen Persgletscher. Glücklicherweise ist die Spur bereits optimal ausgetreten. Gewürzt mit ein paar Anlauf-Sprüngen über offene Gletscherspalten meistern wir den Rückweg zur Diavolezza problemlos. Auf der Terrasse wartet schließlich die wohlverdiente Belohnung: ein obligatorisches, kühles Bergsteigerbier!
Conclusio
Der Bumillerpfeiler ist eine meiner ganz großen Führungstouren. Er verlangt Ausdauer, Kletterkönnen und psychische Stärke, ist aber zweifellos eine der grandiosesten, kombinierten Hochtouren in den Ostalpen.
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