Piz Badile Nordostwand, „Cassin“ (VI+, 800 m)

Touren-Steckbrief
Parameter Details
Gipfel & Route Piz Badile (3.309 m), Nordostwand – „Cassin“
Erstbegeher Riccardo Cassin & Gefährten (1937)
Schwierigkeit VI+ (UIAA) / 6a (frz.), anhaltend V bis VI
Wandhöhe / Kletterlänge 800 m / ca. 22 Seillängen
Stützpunkte Capanna Sasc Furä (Zustieg), Rifugio Gianetti (Abstieg)
Charakter Großer Alpinklassiker, mobile Sicherungsmittel (Camalots/Keile) Pflicht

Nasser Start und Hüttenglück an der Sasc Furä

Unsere Tour ins Bergell beginnt erst einmal mit Dauerregen: Vom Julierpass bis nach Bondo schüttet es wie aus Kübeln. Doch als Bergführer lernt man Geduld. Da der Wetterbericht abends Besserung und für den nächsten Tag Traumwetter verspricht, sitzen mein Gast René und ich den Regen im Tal gemütlich aus.
Am Spätnachmittag starten wir schließlich den Aufstieg zur Sasc-Furä-Hütte, die uns im feinsten Abendlicht empfängt. Das Schlechtwetter erweist sich als Glücksfall für uns: Noch Tage zuvor restlos ausgebucht, ist die Hütte durch Stornierungen nur noch halb voll.

Vom Rebuffat-Riss zur Cengia Mediana: Allein in der Wand

Am nächsten Morgen bestätigt sich meine Vermutung: Die meisten Seilschaften fürchten noch nasse Felsen und bleiben weg. Für René und mich bedeutet das freie Bahn – wir sind die einzige Seilschaft in der gesamten Route! Das ist mitten in der Hauptsaison ein echter Sechser im Lotto!
Für den Auftakt wähle ich den Rebuffat-Riss – einen herrlichen, gut absicherbaren Fingerriss. Die beiden folgenden leichten Längen nehmen wir zügig am laufenden Seil. Dann wartet die erste 6er-Länge: Ein ansteigender Quergang unter einem Dachriegel. Wie erwartet ist der Fels stellenweise noch nass, lässt sich aber gut klettern. Nach drei weiteren, einfacheren Längen stehen wir beide sicher auf dem großen Schuttband -der Cengia Mediana- in der Wandmitte.

Die Crux und mein Nervenkitzel im V-Kamin

Direkt oberhalb des Bandes muss ich im Vorstieg kräftig zupacken: Hier wartet die nominelle Schlüsselstelle, ein leicht überhängender Riss im Grad VI+, den man an der richtigen Stelle nach rechts verlassen muss. René klettert souverän nach. Nach weiteren Längen im oberen V. und unteren VI. Grad stehen wir am Einstieg des berüchtigten V-Kamins.
Aus früheren Führungen kenne ich die Route in- und auswendig und weiss: Weit oben über dem Kamingrund bleiben und die Wände auf Gegendruck und Reibung anpressen. Doch diesmal wird es unerwartet heikel: Die linke Kaminwand ist vom Regen noch feucht und zu allem Überfluss ist eine alte Schnittwunde an meinem linken Ringfinger wieder aufgerissen und blutet – denkbar schlechte Bedingungen für pure Reibung.
Unter erhöhtem psychischen Druck stemme ich mich hoch. Als ich endlich die kleine Nische mit den zwei Bohrhaken erreiche und René das erlösende „Stand!“ zurufen kann, fällt die Anspannung spürbar ab.

Über die Nordkante zum Gipfel (3.309 m)

Ab dem Kamin geht es zügig weiter. Wir spulen die letzten Längen im IV. und V. Grad  ab und steigen über die berühmte Nordkante weiter.
Dort überholen wir eine italienische Seilschaft, die zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit noch Seillänge um Seillänge einzeln sichert. Beim Blick auf die Uhr denke ich mir: Gut, dass am Gipfel das Notbiwak steht – zur Gianetti-Hütte schaffen es die beiden bei dem Tempo heute nicht mehr.

Abstieg zum Rifugio Gianetti

Am späten Nachmittag stehen René und ich auf dem Gipfel des Piz Badile. Nach dem obligatorischen Bergführer-Handschlag und einer kurzen Rast passen wir den Plan an: Noch am selben Tag ins Val Masino abzusteigen und nach Bondo zurückzufahren, ist zeitlich nicht mehr sinnvoll.
Wir steigen und klettern entspannt über den italienischen Normalweg ab und erreichen rund 1,5 Stunden später die gastfreundliche Gianetti-Hütte.

Mein Fazit

Auch diesmal ziehe ich den Hut vor Riccardo Cassins Erstbegehung von 1937. Wieder einmal hat sich für uns moderne Bergsteiger gezeigt: Die nominell schwerste Seillänge ist selten die psychisch anspruchsvollste. Während die 6er-Crux klare Griffe bietet, verlangt der legendäre V-Kamin – von Cassin damals schlicht mit UIAA III bewertet (heute 5b / UIAA V+/VI-) – kompromissloses Reibungsgefühl und Nervenstärke.

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