Haute Route, April 2023

Die „schönste“ aller Skidurchquerungen beginnt mit durchwachsenem Wetter: es regnet in Le Tour, wir binden die Ski auf die Rucksäcke und steigen über den Sommerweg Richtung Refuge Albert 1er. Ab 1800 m geht der Regen in Schnee über und wir erreichen um die Mittagszeit die Hütte.

Der Folgetag bringt trockenes, stark bewölktes Wetter mit einigen Sonnenstunden. Da die nächste Schlechtwetterfront im Anmarsch ist, beeilen wir uns: über den ausgeaperten, aber gut begehbaren Col du Tour geht es bei Starkwind auf die Schweizer Seite. Rückenwind treibt uns über das flache Plateau du Trient, die folgende, steile Abfahrt Richtung Col des Ecandies wird genussreich im Pulverschnee. Jenseits freuen wir uns über die schöne und steile Abfahrt in das Val d‘ Arpette, es hat jedoch nicht durchgefroren, so dass uns feuchter, zuweilen auch fauler Schnee ab ca. 2200 m Seehöhe das Leben etwas schwer macht. Dennoch sind wir guten Mutes, den der Schnee reicht bis ganz hinab nach Champex.

In der Nacht vom zweiten auf den dritten Tourentag schneit und stürmt es stark. Die Lawinengefahr steigt, meine Entscheidung fällt daher gegen die Cabane de Valsorey (mit dem darauffolgenden, sehr steilen Couloir) und für die Cabane de Prafleuri aus. Ein Taxi bringt uns von Bourg S. Pierre nach Le Chable, die Seilbahn ins Skigebiet von Verbier. Nach einer rasanten Pistenabfahrt fellen wir an und steigen über die 2 Cols ‚de La Chaux‘ und ‚de Momin‘ auf die Rosa Blanche. Das Wetter ist zunächst locker bewölkt, später von Schneeschauern durchsetzt. Wir lassen uns etwas zu lange Zeit, wodurch wir bei der Abfahrt zur Cabane de Prafleuri in einen starken Schauer kommen: Sicht null, Schnee großartig! Ich kenne das Gelände jedoch sehr gut und wir erreichen nachmittags problemlos die bereits gut gefüllte Hütte .

Ein langer Tag (und der einzige mit durchgehend klarem Wetter!) bringt uns über den Col des Roux zum Lac de Dix, den wir auf seiner (orographisch) linken Seite passieren. Die Cabane de Dix lassen wir rechts liegen und nehmen den steilen Anstieg auf die Pigne d‘ Arolla in Angriff. Am Gipfel angekommen freuen wir uns auf die lange Abfahrt nach Arolla, die wir kurz in der Cabane des Vignettes unterbrechen. Unten im Dorf erwartet uns ein komfortables Hotel (und eine angenehme Dusche :-)!).

Fünfter und vorletzter Tag: der Wetterbericht verheißt nichts Gutes, morgens ist die Sicht aber noch brauchbar, leichter Schneefall setzt ein. Unser Tagesziel: die Cabane de Bertol auf 3311 m. Während des letzten steilen Hanges unterhalb der Hütte wird der Schneefall stark, Wind setzt ein und kleine Pulverschneerutsche nehmen immer wieder ihren Weg hinab von den umliegenden Steilflanken. Wir erreichen unsere Unterkunft jedoch problemlos.

Sechster und letzter Tourentag: Ziel ist Zermatt.
Es hat die ganze Nacht geschneit und geblasen, morgens ist es bedeckt bzw. nebelig. Der Schneefall hat aufgehört, aber der Wind weht noch stark. Außer mir entscheiden sich noch zwei weitere Bergführerkollegen, mit ihren Gruppen nach Zermatt aufzubrechen. Die restlichen Hüttengäste nehmen den sicheren Weg retour nach Arolla.
Wir drei Bergführer wechseln uns beim Spuren Richtung Tete Blanche ab. Die Sicht ist schlecht, aber ich verlasse mich voll und ganz auf meinen GPS-Track, meine Geländekenntnisse und natürlich auf meine werten Kollegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit treten die ersten Seracs der Nordflanke der Tete Blanche ins Blickfeld – bald ist es geschafft! Doch die Euphorie ist nur von kurzer Dauer, gilt es doch, den stürmischen Col de la Tete Blanche zu überqueren und die gefährliche Spaltenzone am Stockjigletscher dahinter. Noch einmal steigt die Anspannung, doch auch diese Hürde nehmen wir. Am Seil wird abgefahren, bis wir die Wolkenuntergrenze hinter uns lassen. Endlich bessert sich die Sicht, das Seil wird im Rucksack versorgt und wir fahren mit Freude bis nach Zermatt ab, das uns bei strahlendem Sonnenschein empfängt.